6. Session

Was meint ein Psychoanalytiker (KI) dazu:

Annabell verwandelt transgenerationale Gewalt- und Ohnmachtsmuster in kraftvolle Selbstermächtigung: Ihr innerer Löwe bricht Täterloyalitäten, schützt Alessa und ordnet das Familiensystem radikal neu.

In der vorliegenden Sitzung zeigt sich Annabell in einem inneren Spannungsfeld von Macht, Ohnmacht, transgenerationaler Verstrickung und einer bislang nicht voll genutzten inneren Kraft. Im Rahmen der Psychobionik entfaltet sich eine dichte innere Bilderwelt, in der sich die zentralen Konfliktachsen ihres Lebens sehr klar darstellen.

"Ich stehe in diesem langen Gang. Vor mir eine Tür geradeaus, hinten links eine zweite. Ich spüre sofort: Die links zieht mich an. Ich gehe hin, lege die Hand auf die Klinke, öffne – und bin im Wohnzimmer meiner Großeltern.

Ich bin acht. Es riecht nach Wohnung meiner Oma: ein bisschen nach Essen, nach Putzmittel, nach alter Couch. Ich kenne jeden Winkel. Es ist warm. Ich weiß: Hier bin ich willkommen. Oma ist in der Küche, sie werkelt, klappert mit Töpfen. Ich bin viel hier, wenn Mama arbeitet. Es fühlt sich an wie ein zweites Zuhause. Ich bin nicht einsam, auch wenn Oma immer beschäftigt ist. Ich weiß, ich darf da sein. Ich bin gewollt.

Ich frage meine Psyche, warum sie mir dieses Bild schickt. „Was soll ich hier erkennen?“ Die Antwort kommt klar: „Annabell, du warst hier willkommen.“ Ich nehme das in mich auf. Ein Ort, an dem ich gewollt bin. Das ist wichtig.

Die Tür geht. Opa kommt heim. Ich sehe ihn, spüre gleichzeitig diese alte Vertrautheit – und plötzlich kippt etwas. Ich merke, er hat getrunken. Seine Stimmung schlägt um, wird hart, laut. Er wird wütend, geht auf Oma los, auf meine Tante. Er wird handgreiflich. Ich, das achtjährige Mädchen, stehe mitten im Wohnzimmer, starr, hilflos. Er tut mir nichts, ich weiß, er hätte mir nie etwas getan – aber in diesem Moment weiß ich das als Kind nicht. Ich habe Angst. Riesige Angst. Meine Welt passt nicht mehr zusammen: Mein Opa, der mich liebt, wird zum Monster gegenüber den Menschen, die ich auch liebe.

Damals renne ich weg. Ich verstecke mich. Ich bin klein, ohnmächtig, überrollt.

Jetzt gehe ich als Erwachsene zu diesem kleinen Mädchen. Ich knie mich zu ihr runter. Ich sage ihr: „Ich bin da. Ich laufe nicht weg. Was brauchst du?“ Sie sagt: „Ich hätte so gern Stopp geschrien. Ich wollte, dass sie aufhören. Aber ich bin nur weggerannt.“

Ich nehme ihre Hand. „Diesmal rennen wir nicht. Diesmal bleibst du hier. Du darfst Stopp sagen. Ich bleibe bei dir.“ Sie flüstert zuerst. Kaum hörbar. „Hört auf, ihr macht mir Angst.“ Niemand reagiert. Also üben wir. Sie sagt es lauter, schreit schließlich. Opa hört sie, schnauzt sie an: „Geh weg.“

„Nein, ich gehe aber nicht weg“, sagt sie. Ich bitte sie, ihren inneren Löwen zu rufen. Und dann steht er da: riesig, mächtig, goldenes Fell, eine unglaubliche Präsenz. Er ist auf ihrer Seite. Sie nimmt ihn wie selbstverständlich an ihre Seite, fast unter den Arm. In dem Moment wächst sie. Sie richtet sich auf, wird groß, stark.

Sie stellt sich Opa entgegen: „Schau, ich bin nicht mehr so klein. Ich habe auch was zu sagen.“ Der Löwe brüllt. Opa ist schockiert, überrascht, fast eingeschüchtert. Er hat nie damit gerechnet, dass jemand stärker sein könnte als er. Ich erkenne: Diese Kraft war schon immer in mir. Ich habe sie nur nicht genutzt.

Wir gehen weiter. Ich nehme diesen Löwen mit in andere Szenen.

Ich gehe in die Situation mit meiner Mutter, damals, als sie mich quer über ihren Schoß legt und auf mich einprügelt. Ich sehe meinen kleinen Körper, wie er ausgeliefert ist, wie es weh tut, körperlich und seelisch. Damals war ich still, ich habe es über mich ergehen lassen.

Jetzt rufe ich meinen Löwen. Er stellt sich zwischen mich und meine Mutter. Er brüllt. Sie erschrickt, hört auf. Sie will mich plötzlich vor dem Löwen schützen. Und ich sage zu ihr: „Du musst mich vor ihm nicht schützen. Er ist meiner. Und du lässt mich jetzt los.“ In mir entsteht etwas Neues: Respekt. Ich spüre, wie ich mir selbst Respekt verschaffe. Wie ich mich nicht mehr einfach schlagen lasse. Ich merke: Auch hier war meine Kraft schon da, nur nicht gelebt.

Dann gehe ich in die Szene mit Dieter, an der Tür meiner neuen Wohnung. Das erste Wochenende nach der Trennung. Alessa hat bei mir übernachtet, ich will sie morgens mit dem Hund zur Schule bringen. Ich öffne die Tür – Dieter steht unangekündigt davor. Er sagt, er will seine Tochter zur Schule bringen. Ich sehe Alessas Unsicherheit. Ich spüre meinen alten Reflex: Panik, Schwitzen, am liebsten weglaufen, nachgeben.

Damals habe ich ihm gesagt, er solle so etwas vorher mit mir absprechen. Er grinst schmerzig, arrogant: „Ich habe jederzeit das Recht, vorbeizukommen.“ In mir war Angst.

Jetzt rufe ich meinen Löwen. Er erscheint, groß, wütend, schützend. Ich stelle mich hinter ihn. Ich sage Dieter: „Nein, das hast du nicht. Du sprichst das vorher mit mir ab.“ Der Löwe brüllt. Dieter weicht zurück. Er geht, bleibt aber an der Ecke stehen und starrt. Er beobachtet, kontrolliert. Aber er kommt nicht mehr so nah.

Ich bitte meine Psyche, mir seinen „Löwen“ zu zeigen. Er erscheint – klein, eher wie ein Hund, geht ihm gerade mal bis zu den Knien. Mein Löwe wird noch größer. Der kleine Löwe traut sich nicht heran, sitzt wie ein verunsicherter Welpe neben ihm. Ich sehe: Seine Macht ist Fassade. Innen ist etwas Kleines, Bedürftiges, das eigentlich Zuwendung will, Futter, Nähe, gestreichelt werden.

Ich lasse meinen Löwen sich zwischen uns stellen. Dieters kleiner Löwe kommt sogar zu mir, lässt sich füttern, frisst mir aus der Hand. Das Bild ist absurd – und gleichzeitig tief wahr: Hinter seiner Aggression steckt ein kleiner Junge, der Liebe und Anerkennung sucht. Aber ich muss ihn nicht mehr fürchten. Ich habe mehr Kraft als er.

Dann rufe ich Alessa in diese innere Szene. Ich frage sie, wie sie ihren Vater sieht. Sie sagt ruhig: „Mama, ich weiß doch, wie er ist. Der macht dumme Sachen.“ Sie wirkt klarer als ich. Ich bitte sie, ihren eigenen Löwen zu rufen. Er erscheint – genauso groß wie meiner, aufgerichtet, die Brust raus, voller Zorn Richtung Dieter. Wir beide stehen mit unseren Löwen vor Dieter und seinem kleinen Löwen. Es ist völlig klar: Seine „Macht“ hat keine Chance gegen unsere innere Stärke. Ich spüre enorme Erleichterung. Meine Tochter ist stark. Nicht trotz mir, sondern auch durch mich.

Mit diesem Wissen gehe ich zurück zu Opa. Ich sehe die Szene noch einmal, in der er betrunken heimkommt und gewalttätig wird. Ich lasse die kleine Antonia mit ihrem Löwen auftreten. Sie schreit, der Löwe brüllt. Opa ist erschüttert. Und jetzt höre ich ihn sagen: „Du hättest nie Angst vor mir haben müssen, das hatte nichts mit dir zu tun.“

Das Kind in mir sagt: „Ich hatte aber Angst. Du bist mein Opa, und plötzlich bist du so. Das passt für mich nicht.“ Ich sehe, wie es ihm leid tut. Er nimmt mich in den Arm, drückt mich. Ich fordere ihn auf, sich auch bei Oma und meiner Tante zu entschuldigen. Er tut es. Etwas in meiner Geschichte mit ihm rundet sich. Ich erkenne: Ich war damals ohnmächtig, aber ich bin es heute nicht mehr.

Mit meinem Löwen im Rücken gehe ich weiter durch mein Leben. In die Schule, sechste Klasse, Berlin. Ein Mädchen mobbt mich, macht sich ständig über mich lustig, spannt mir meine beste Freundin aus. Ich war damals still, habe geschluckt, mich beobachtet gefühlt, ständig unter ihrem Blick.

Jetzt rufe ich meinen Löwen. Er erscheint, groß, ruhig, setzt sich neben mich. Allein seine Anwesenheit verändert die Dynamik. Das Mädchen verliert das Interesse an mir, dreht sich weg, sucht sich jemand anderen. In mir breitet sich Erleichterung aus. Ich bin nicht mehr das Opfer im Fokus. Ich lerne: Wenn ich meine Stärke zeige, bin ich für Menschen, die Schwäche ausnutzen wollen, plötzlich uninteressant. Sie suchen andere.

Ich gehe meine Beziehungen durch. Den ersten Partner, der mich geschlagen hat. Damals habe ich nicht laut Stopp gesagt. Jetzt halte ich seine Hand fest, schaue ihm in die Augen und sage klar: „Hör auf.“ Ich gehe. Ich beende es sofort, fahre nach Hause. In mir ist kein Zweifel.

Die nächste Beziehung: Ich sehe mich, wie ich ihn vor die Tür setze, ihm die Schlüssel abnehme, die Haustür zuknalle. Ich spüre: Damals hatte ich meinen Löwen schon ein Stück weit an meiner Seite, ohne es zu wissen.

Und dann Dieter. Ich springe in verschiedene Szenen mit ihm, sehe, wo ich hätte gehen müssen, wo ich meine innere Stärke nicht genutzt habe, wo ich in Angst, Hoffnung, Anpassung geblieben bin. Ich erkenne: Ich habe mich immer wieder mit Männern eingelassen, die innerlich kleine Jungen sind, die ihre Mutterthemen über mich austragen.

Dann kommt eine entscheidende Erkenntnis: Ohne Dieter gäbe es Alessa nicht. Diese Seele, dieses Kind, das ich so sehr liebe, hätte keinen Weg zu mir gefunden ohne diesen Mann. Ich spüre in mich hinein. Wenn ich weiß, dass ich für Alessa durch all das durchgehen musste – nehme ich es in Kauf? Die Antwort in mir ist klar: Ja. Für sie gehe ich da durch. Aber ich muss das Muster jetzt beenden. Ich kann unterscheiden: Ich nehme das Kind, nicht mehr den Jungen als „Mann“.

Ich schaue mir Dieters Familie an. Seine Eltern. Besonders seine Mutter. Ich sehe, wie sehr sie kontrolliert, wie wenig sie Grenzen akzeptiert, wie sie versucht hat, mich zu manipulieren, mich schlecht zu machen, Dieter gegen mich aufzubringen. Ich erinnere mich an die Situation, als sie angeblich vor meiner Tür stand, während ich mit dem Baby zu Hause war, und Dieter mich auf der Arbeit anrief: „Warum machst du meiner Mutter nicht die Tür auf?“ Ich wusste nichts davon. Sie hatte gelogen, nur um zwischen uns Feuer zu legen.

Ich spreche sie in meiner Innenwelt direkt an. Ich sage ihr, wie übergriffig sie war, wie sie meine Grenzen missachtet hat, wie sie meine Rolle als Mutter untergraben hat. Ich sage ihr: „Wenn ich Grenzen setze, ist das nicht gegen dich, sondern für meine Familie. Ich schütze mich und mein Kind. Das hat nichts mit deiner Person zu tun. Aber wenn du das als Angriff nimmst, ist das dein Thema, nicht meins.“

Ich gehe noch einmal in diese Szene im Schlafzimmer, als ich Alessa stillen will und sie nicht aus dem Zimmer geht. Sie zeigt mir ein eingerahmtes Bild ihres Mannes, stupst mich an, fragt, ob er nicht adrett sei. Ich fühle wieder dieses Fremdschamgefühl, dieses „Was soll ich jetzt sagen?“ Damals habe ich geschwiegen, gewartet, bis sie geht. Jetzt sage ich klar: „Ich möchte jetzt alleine sein. Ich will in Ruhe stillen. Bitte geh raus.“ Und sie geht. Ich spüre, wie gut es tut, diese Grenze zu setzen. Wie normal es ist. Wie legitim.

Ich sehe, wie sie mich immer wieder nicht als eigenständige Frau wahrgenommen hat, sondern als etwas, das sie kontrollieren, bewerten, bekämpfen muss. Und ich sehe ihre eigene Geschichte: den alkoholkranken Vater, die Schwester, die sich umgebracht hat, die eigene emotionale Verwüstung. Ich erkenne: Sie klammert, weil sie selbst nie gehalten wurde. Sie verbietet ihrem Mann den Kontakt zu seinem ersten Sohn, weil sie ihn ganz für sich haben will. Sie wiederholt genau das Muster, unter dem sie selbst gelitten hat: Kinder ohne Vaterbindung.

Ich lasse in meiner Innenwelt ihren Vater, den Ur-Opa von Alessa, auftauchen. Ich spüre seine Schuld, seine Flucht in den Alkohol, die Trauer über die Tochter, die sich das Leben genommen hat. Ich sehe, wie all das sich durch die Generationen zieht: Gewalt, Hilflosigkeit, Alkohol, fehlende Väter, klammernde Mütter, Kinder, die sich nicht gesehen fühlen. Und ich stehe dazwischen – mit meinem Löwen.

Ich sage innerlich zu allen: „Bis hierher. Und nicht weiter.“ Ich erkenne: Ich bin diejenige, die dieses Muster unterbrechen kann. Ich habe die Power dazu. Ich hatte sie schon als Kind.

Ich spreche mit Dieters Vater. Ich frage ihn, zu wie viel Prozent er mich als Schwiegertochter respektieren kann. Ich sehe 100 %. Er respektiert mich. Mit der Zeit erkenne ich: Beide, er und seine Frau, erkennen mich nun zu 100 % als Mutter von Alessa an. Sie respektieren meine Rolle, wenn auch aus Resignation, nicht aus wirklicher innerer Reife. Aber es ist ein Anfang.

Ich mache ihnen klar: „Ihr seid Oma und Opa. Ich bin die Mutter. Ihr habt nicht das Recht, euch über meine Entscheidungen hinwegzusetzen. Wenn ihr Alessa lieben wollt, müsst ihr mich als ihre Mutter respektieren.“ Ich spüre, wie sich etwas in diesem Familiensystem verschiebt. Nicht weil sie plötzlich „gut“ werden, sondern weil ich meine Position einnehme.

Ich gehe in meine eigene Gegenwart, in meine aktuelle Beziehung zu Jens. Ich prüfe: Wiederhole ich hier etwas? Oder ist es anders? Ich spüre: Er sieht mich. Er ist von seinen Eltern gelöst. Er übernimmt Verantwortung. Er zieht mit mir und einem Kind, das nicht seins ist, in ein anderes Land. Er ist kein kleiner Junge, der seine Mutter über mich stellt. Ja, er hat seine Themen, seine Geschichte mit einem gewalttätigen Vater, aber er trägt sie nicht auf meinem Rücken aus. Ich merke: Hier lebe ich meine Löwenkraft schon viel mehr. Ich setze Grenzen, ich sage, was ich nicht bin: „Ich bin nicht deine Mutter.“ Und er kann das hören.

Am Ende dieser Innenweltreise sehe ich alle noch einmal vor mir: Opa, Oma, meine Tante, meine Eltern, Dieter, seine Eltern, Alessa, Jens, sogar die verstorbenen Ahnen im Hintergrund. Ich sehe sie in einem Bild zusammenstehen. Wo vorher Spannung, Ablehnung, Hass, Ohnmacht waren, ist jetzt mehr Klarheit, mehr Ordnung. Nicht alles ist „heile Welt“. Aber die Rollen sind sortierter. Ich stehe nicht mehr klein und zitternd irgendwo dazwischen. Ich stehe in meiner Mitte, groß, mit meinem Löwen an meiner Seite. Alessa steht neben mir, mit ihrem Löwen.

In mir taucht eine Zahl auf: 85 %. So weit ist dieses Thema bearbeitet. Es bleibt noch etwas – aber der größte Knoten ist gelöst. Ich spüre: Ich bin nicht mehr das hilflose Kind im Wohnzimmer meiner Großeltern. Ich bin die Frau, die ihre Geschichte kennt, ihre Kraft spürt und ihre Linie verändert.

Ich gehe mit meinem Löwen aus diesem inneren Raum. Und ich weiß: Wenn ich draußen in der „realen“ Welt Dieter begegne, seine Eltern, alte Trigger – ich bin nicht mehr dieselbe. Ich habe meinen Löwen. Ich habe meine Stimme. Ich habe mich."