7. Session
| Was meint ein Psychoanalytiker (KI) dazu: Auf dem Berg der Autonomie löst Annabell alte Besitzansprüche, ordnet transgenerationale Bindungen und betritt befreit, innerlich geklärt und zukunftsoffen ihr neues Lebensfeld. In der vorliegenden Sitzung zeigt sich Annabell in einem fortgeschrittenen Stadium eines psychobionischen Prozesses, in dem sich innere Bilder, Beziehungskonstellationen und familiäre Verstrickungen deutlich geordnet und emotional entlastet haben. Die Sitzung wirkt wie ein Abschluss- und Integrationsmoment einer bereits
intensiv durchlaufenen inneren Arbeit. |
![]() |
| "Ich stehe im langen, hellen Gang. Ganz am Ende die letzte Tür. Ich weiß, sie ist für mich. Als ich sie öffne, bin ich wieder oben auf der Bergspitze. Es ist windig hier oben, kühl, aber klar. Keine Nebel, keine Düsternis. Ich habe Weitblick. Rechts von mir geht es steil in den Abgrund, wirklich steil – aber ich fühle mich sicher. Das überrascht mich selbst. Ich gehe auf einem schmalen Weg den Berg hinunter, mein Hund läuft vor, kommt zurück, schnuppert, spielt. Ich genieße das Alleinsein. Es ist wie eine kleine Auszeit aus allem. Kein Druck, keine Forderungen, nur ich, mein Hund, der Weg und diese klare Luft. Und ich merke: Da ist ein Gefühl von Sicherheit in mir, selbst mit einem Abgrund neben mir. Ich kann am Rand entlanggehen und falle nicht. Dann taucht Alessa auf. Plötzlich steht sie da, so wie sie heute ist. Zwölf Jahre alt. Ich frage sie, wie es ihr geht. Sie sagt, sie hat auf mich gewartet und möchte mich begleiten. Das rührt mich tief. Sie nimmt meine Hand, meine rechte, und wir gehen gemeinsam weiter |
![]() |
![]() |
Kurz darauf steht Jens links am Weg, in einer Kurve. Ich frage ihn, wie es ihm geht. Er nimmt uns beide in den Arm und sagt, er kommt mit. Jetzt gehe ich mit Alessa an der rechten Hand, mit Jens an der linken, und der Hund springt vor uns her. Wir drei, plus Hund, auf diesem Weg nach unten. Das Tal öffnet sich. Es ist kühl, aber nicht feindlich. Kein Regen, kein Nebel. Wir überqueren eine kleine Brücke über einen Bach. Der Weg führt uns genau an den Ort, an dem wir in den letzten Sitzungen immer wieder geendet haben – das Schlussbild. Eine Wiese, ein Platz, an dem „alle“ sind. Und tatsächlich: Sie sind alle da. Meine Mutter, ihr Partner, andere wichtige Menschen. Ich spüre überwiegend Freude oder neutrale Offenheit. Nur eine Person sticht heraus: Dieter. Die Freude ist bei ihm nicht da. Er ist nicht wütend, nicht tosend, aber er findet es nicht schön, uns so zusammen zu sehen. Es liegt etwas Schweres, Widerständiges in seiner Energie. Ich spreche ihn an. Frage ihn, wie es ihm geht, wenn er uns so zusammen sieht, und dass sich andere über uns freuen. Er sagt, er kann sich nicht freuen. In ihm arbeitet etwas. Er fühlt sich belogen und betrogen von mir. Ich nehme das ernst. Ich frage ihn: Woher kommt dieses Gefühl? Wann hat er das für sich so wahrgenommen? Er erzählt von der Zeit, als ich ihm sagte, dass ich mich trennen möchte. Er ist mit unserer Tochter eine Woche weggefahren, in der Hoffnung, ich würde es mir anders überlegen. Ich war aber längst innerlich gegangen. Für mich war die Entscheidung klar. Er hat das nicht akzeptiert. Für ihn war das wohl nur eine „Phase“, eine Krise, die sich wieder einrenkt. In dieser Woche, in der er weg war, konnte ich nicht im gemeinsamen Haus bleiben. In dieser Zeit begann es mit Jens – nicht als Ursache der Trennung, sondern als Mensch, in den ich mich verliebt habe, als mein Herz schon längst nicht mehr bei Dieter war. Ich sage Dieter innerlich: „Du warst nicht der Grund, warum ich mich getrennt habe. Ich hatte mich schon getrennt. Aber dann war Jens da. Und ich habe mich verliebt. So ist Liebe. Sie lässt sich nicht planen.“ Ich spüre, wie ich innerlich klarer werde. Ich erkläre Dieter: Ich habe dir vor deiner Reise gesagt, dass ich mir nicht vorstellen kann, mit dir weiterzuleben. Dass ich mich trennen möchte. Das war ehrlich. Später, als er zurückkam, habe ich aus Angst nicht mehr alles offen gesagt. Ich hatte Angst vor seinem Zorn, vor seiner Aggression. Das Leben mit ihm im Haus wurde zur Hölle. Ich habe bei meinen Eltern geschlafen, bei Jens geschlafen. Nicht, um ihn zu demütigen, sondern um mich zu schützen. Und ich erkenne dabei: Ich habe das Recht, mich zu schützen. Ich habe das Recht, zu gehen. Ich habe das Recht, nicht zu sagen, wo ich übernachte. Ich sage ihm innerlich sehr klar: „Ich war ehrlich, als es darauf ankam. Später war ich nicht mehr ehrlich, weil ich Angst vor dir hatte. Aber ich habe dich nicht betrogen. Ich hatte dir gesagt, dass ich weg bin. Du wolltest es nicht akzeptieren.“ Er sieht ein Stück weit ein. Ich frage ihn, wann er gemerkt hat, dass ich innerlich wirklich weg bin. Er sagt, er hat es schon Wochen vorher gespürt, nach einem bestimmten Abend, an dem ich für mich die Entscheidung getroffen habe. Ich erinnere mich: Geburtstag meines besten Freundes. An dem Abend habe ich es das erste Mal laut ausgesprochen. In dem Moment habe ich gemerkt, wie sehr mich diese Entscheidung erleichtert. Das war der innere Wendepunkt. Für ihn war es ein Prozess, er wollte nicht loslassen. Nie. Er hat mich innerlich nie losgelassen. Ich sage ihm: „Das ist wie ein Kleinkind, das sein Spielzeug nicht hergeben will. Ich bin nicht dein Eigentum.“ Und er gibt mir Recht: In seiner Welt waren Frauen immer Eigentum – seine Mutter, sein Vater, er selbst. Alles Besitz, alles etwas, das man kontrolliert und benutzt, um sich selbst darzustellen. Mir wird dabei klar, wie tief dieses Muster in ihm sitzt: Frauen als Eigentum, Menschen als Objekte. Und ich spüre in mir einen Zorn, aber auch eine große Klarheit: „Ich bin nicht dein Eigentum. Ich war es nie. Eine Frau ist niemals Eigentum eines Mannes. Auch du bist nicht Eigentum deiner Mutter. Du bist verantwortlich für dein Leben. Ich bin verantwortlich für meins.“ Ich sage ihm: „Du verwechselst Ursache und Auslöser. Ich löse deine Gefühle aus, aber ich bin nicht ihre Ursache. Deine Wut, dein Hass, dein Frust – die sind in dir. Du musst dich darum kümmern. Du brauchst einen Therapeuten. Ich bin nicht dein Boxsack.“ Da kommt seine Wut hoch. Er bombardiert mich mit Forderungen, Vorwürfen, Kontrollansprüchen. Er will alles wissen, alles kontrollieren, alles bewertet wissen. Ich spüre: Dieser Mann kann so, wie er jetzt ist, nicht lieben. Er kann besitzen, kontrollieren, fordern – aber nicht lieben. Ich sage es ihm innerlich: „Lieben kannst du so nicht. Du brauchst Hilfe, wenn du jemals wirklich lieben willst.“ Ich spüre, wie sich in mir etwas sortiert: Ich bin nicht schuld an seinem Leben. Ich bin nicht schuld an seinem Frust. Ich bin nicht verantwortlich für seine innere Leere. Ich habe das Recht, zu gehen. Ich habe das Recht, mit einem anderen Mann glücklich zu sein. Ich habe das Recht, meine Tochter zu schützen. Ich habe sogar das Recht, dass es mir gut geht Wir kommen auf Alessa zu sprechen. Auf die gerichtlichen Regelungen, die begleiteten Kontakte, den privaten Dienstleister, der als eine Art Mediator fungiert. Ich spüre, wie absurd vieles ist: teure Verfahren, starre Strukturen, viel Druck auf ein Kind, das sehr klar sagt: „Ich würde hier niemals freiwillig sitzen. Ich habe kein Vertrauen mehr zu dir.“ Sie ist stark, klar, viel reifer als ihr Alter. Und gleichzeitig weiß ich: Das System zwingt sie, etwas auszuhalten, was sie nicht will – weil die Beziehung zum Vater nicht einfach abreissen darf. Ich stehe zwischen allem: meinem Wunsch, sie zu schützen, und dem Wissen, dass sie ihre eigene Beziehung zu ihrem Vater leben oder eben auch verweigern muss. Ich kann sie nur begleiten, hinbringen, abholen, für sie da sein. Mehr nicht. Und ich merke: Das ist schwer auszuhalten, aber es ist richtig, dass ich mich da nicht mehr dazwischendränge. Zurück auf der Wiese. Ich schaue Dieter an und frage ihn innerlich: „Zu wieviel Prozent bist du bereit, zu akzeptieren, dass ich nicht mehr deine Frau bin?“ Er sagt: 100 %. Ich spüre, dass da etwas angekommen ist. Dann frage ich ihn: „Was erwartest du noch von mir?“ Er sagt: „Das Kind.“ Ich erinnere ihn an die Regelung, die er selbst über das Gericht erzwungen hat. Er muss akzeptieren, dass er Alessa nur begleitet sehen darf. Dass das so ist, weil sein Verhalten Folgen hatte. Er kann nicht alles haben und nichts ändern. Ich merke: In mir gibt es noch keine 100 % Akzeptanz für ihn. Ich habe noch 90 %. Die fehlenden 10 % sind der Wunsch, dass er mit dem Terror aufhört – mit dem psychischen Druck, den Drohungen, der Daueraggression. Ich sage ihm: „Wenn du damit aufhörst, bin ich bereit, dich zu 100 % als das zu akzeptieren, was du bist: der Vater meiner Tochter, mit all deinen Fehlern. Aber ich bin nicht mehr bereit, dein Ventil zu sein.“ Er sagt, er hat so viel Frust in sich. Ich sage: „Dann such dir Hilfe. Aber nicht bei mir. Ich bin nicht dein Ventil.“ Und dann kommt dieser Moment, der in mir fast so etwas wie schwarzen Humor auslöst: Er sagt, dann nimmt er eben seine jetzige Freundin als Ventil. Und ich merke, wie in mir etwas schadenfroh auflacht. Ich denke: „Ja, mach das. Nimm sie. Lass es an ihr aus. Hauptsache, du lässt mich und Alessa in Ruhe.“ Ich weiß, das ist nicht edel, aber es ist ehrlich. Und diese Ehrlichkeit befreit mich. Ich fühle mich auf einmal leicht. Ich kann ihm jetzt mit einem breiten Grinsen innerlich 100 % geben – nicht, weil er so großartig ist, sondern weil ich verstanden habe: Ich bin frei. Er kann seinen Kreislauf aus Frust und Projektion mit der Nächsten wiederholen. Das ist sein Schicksal. Nicht mehr meines. Ich zeige Alessa innerlich diese 100 % Akzeptanz für Dieter als das, was er ist – nicht als Partner, sondern als Vater. Sie lacht. Sie findet es gut. Ich spüre, wie sie erleichtert ist, weil die Spannung zwischen mir und ihrem Vater nachlässt. Das tut ihr gut.
Dann wechselt die innere Bühne. Ich stehe als junge Frau, Anfang 20, auf meinem Weg. Hinter mir stellen sich meine Eltern auf, dahinter meine Großeltern, dahinter die Urgroßeltern. Wie eine lange Kette von Menschen, die alle vor mir da waren. Ich spüre sie als Wurzeln, als Kraftquelle. Sie stellen keine Bedingungen. Sie sagen nicht: „Du musst so oder so leben.“ Sie geben einfach Energie. Ich bin die Blüte, die Frucht, die aus all dem hervorgeht. Ich spüre: Ich bin nicht allein. Ich bin Teil einer langen Linie. Und gleichzeitig bin ich eigenständig. Ich gehe meinen Weg. Vor mir, leicht links auf dem Weg, erscheint meine innere Frau. Sie sieht aus wie eine Prinzessin – kitschig fast. Langes, glitzerndes Kleid, Krönchen, ein Stab in der Hand, oben ein Stern. Und sie steht mit beiden Beinen auf dem Boden. Kein Schweben, kein Abheben. Sie ist weiblich, verspielt, aber geerdet. Rechts vorne steht mein innerer Mann. Ein großer Mann, in dunkelblauem Samt, ein Umhang, kurze schwarze Haare. Würdevoll, ruhig, stark. Er erinnert mich in seiner Größe und Präsenz an Jens, aber er ist feiner, mehr „Prinz“, wo Jens eher derbere, bodenständigere Züge hat. Ich sehe: Jens trägt Anteile meines inneren Mannes, aber nicht alle. Mein innerer Mann ist das Idealbild, die Essenz. Jens ist ein realer Mensch, mit Ecken und Kanten. Und das ist in Ordnung. Zwischen meiner inneren Frau und meinem inneren Mann spüre ich eine Verbindung. Keine kindliche Unsicherheit, sondern erwachsene Anziehung, ein selbstverständliches „Wir gehören zusammen“. Sie sind kein pubertierendes Pärchen, sondern reife Anteile in mir. Ich merke: In mir gibt es eine innere Frau, die sich zeigen darf, und einen inneren Mann, der an meiner Seite steht. Ich bin nicht nur „weiblich“ oder nur „stark“ – ich bin beides. Und ich lebe einen Teil davon mit Jens. Dann rufe ich mein inneres Kind. Ein kleines Mädchen, vielleicht sechs oder sieben, in einem Kleidchen. Es kommt angelaufen, lebendig. Es ruft nach seinen Eltern, und meine Eltern treten hervor. Mein inneres Kind sitzt bei meinem Vater auf dem Arm, meine Mutter ist selbstverständlich da. Ich spüre: Dieses Kind hat jetzt einen Papa, der innerlich da ist – auch wenn er äußere Fehler hat. In meiner Innenwelt ist er Vater genug. Das fühlt sich heil an. Mein inneres Kind ist nicht allein, nicht verlassen. Es hat Mama und Papa. Ich rufe auch meine pubertierende Version, mit etwa 15. Sie taucht auf, ein bisschen unsicher, ein bisschen distanziert, nicht Fisch, nicht Fleisch. Genau so, wie Pubertät sich anfühlt. Noch nicht ganz bei sich, aber auf dem Weg. Sie ist okay mit sich, auch wenn sie sich noch sucht. Ich kann sie ansehen und spüre Mitgefühl, kein Urteil. Ich weiß jetzt: Sie hat es gut gemacht, so gut sie konnte. Wenn ich nun auf mich als Erwachsene schaue, sehe ich: Mein inneres Kind ist lebendig und gehalten. Meine Pubertierende ist integriert. Meine innere Frau und mein innerer Mann stehen vorne und gehen mit mir. Meine Ahnen stehen hinter mir. Ich bin nicht mehr nur „die, die funktionieren muss“. Ich bin jemand mit innerem Rückhalt, mit einer inneren Familie. Dann richte ich den Blick auf Alessa. Ich lasse sie in dieses Bild hineinkommen. Sie ruft ihre Eltern – Dieter und mich – und wir stellen uns hinter sie. Ich spüre, wie ungewohnt das ist, so nah, so friedlich. Aber wir schaffen es, ohne Worte, ohne Streit. Dann rufen wir unsere Eltern, also ihre Großeltern, und dahinter wieder deren Eltern. Eine Kette von Menschen hinter ihr, wie bei mir. Es dauert ein bisschen, bis Dieters Eltern wirklich ihren Platz einnehmen. Aber sie kommen. Auch sie stehen hinter Alessa, ob sie wollen oder nicht. Sie gehören zu ihren Wurzeln. Ich sage innerlich zu Alessa: „Das sind deine Wurzeln. Alle. Auch die, die schwierig sind. Du bekommst von ihnen Kraft. Du entscheidest, was du daraus machst.“ Ich merke, wie sie sich umdreht, prüfend, skeptisch. Sie schaut, ob das wirklich stimmt. Und dann spürt sie: Ja, da ist etwas. Eine Energie, ein Rückhalt, der nicht von Tageslaunen abhängt. Sie ist noch jung, sie ist in der Pubertät. Sie wird vieles davon erst später ganz verstehen. Aber der Samen ist gelegt: Sie ist nicht nur Kind eines konflikthaften Systems. Sie ist auch Kind einer großen Linie von Menschen, die ihr Energie geben.
Zurück auf der Wiese. Ich stehe wieder mit Jens, mit Alessa und dem Hund. Vor uns all die Menschen, die dazugehören. Ich spüre, wie die Spannung mit Dieter deutlich geringer ist. Da ist Akzeptanz. Nicht Liebe, nicht Versöhnung im romantischen Sinn, aber ein „So ist es jetzt“. Und das reicht. Es ist warm geworden. Die Gesichter sind überwiegend lachend, freundlich. Die Wiese ist ein warmer Ort geworden. Ein Familienfeld, das nicht mehr zerrissen ist, sondern zumindest innerlich in Ordnung. Dann gehe ich noch einmal zurück zur Tür im langen Gang. Ich
schreibe meinen Namen darauf. Ich mache die Tür auf – und diesmal
ist es hell. Die Sonne scheint. Es ist warm. Die Gesichter sind freundlich.
Ich spüre Erleichterung, Weite, Frieden. Dieses Bild fühlt sich
an wie ein inneres „Ja“ zum Leben, so wie es ist, mit allen
Brüchen. In mir ist jetzt etwas sortiert: Ich gehe durch diese Tür zurück in mein Leben. Und ich spüre: Der Rest meines Lebens wartet wirklich auf mich. Nicht mehr als Fortsetzung alter Dramen, sondern als etwas Eigenes, das ich gestalten darf." |
![]() |