1. Session - Annabell
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"Ich stehe vor dieser Tür. Es ist dunkel, feucht, irgendwie nach Keller. Ich habe meinen Namen mit dem Finger auf die Tür geschrieben, als hätte ich magische Kreidehände. Ich spüre, wie mein Herz schneller schlägt. Ich weiß, wenn ich diese Tür jetzt öffne, gehe ich nicht einfach in einen Raum, ich gehe in mich hinein. Ich drücke die Klinke. Die Tür geht laut auf, ein Krachen in der Dunkelheit. Es ist stockfinster. Ich spüre eher, als dass ich etwas sehe. Der Boden fühlt sich an wie Kellerboden, kühl, hart, tragfähig, aber irgendwie unheimlich. Der Raum ist riesig – zumindest fühlt er sich so an. Weit, leer, dunkel. Und trotzdem bedrückend, als würde die Leere auf mich drücken. Mir läuft ein Schauer den Rücken hinunter. Ich bin hier drin, ich spüre alles, aber ich sehe nichts. Es ist, als ob meine Innenwelt ein großer, schwarzer Hohlraum ist, voller Ahnung, aber ohne Bild. Links neben mir ist ein Lichtschalter. Ich weiß es einfach. Ich strecke die Hand aus, klicke ihn. Es wird heller, aber nicht wirklich freundlich. Eher so ein diffuses, graues Licht. Ich sehe noch immer keine „Szene“, kein klares Bild, nur Raum, Weite, Dunkelheit, Gefühl. Und dieses Gefühl ist unangenehm, klebrig, wie eine Mischung aus Angst und Traurigkeit, die mir die Schultern nach unten zieht. Ich sage innerlich zu diesem Gefühl: „Zeig dich. Komm als Gestalt. Ich will wissen, was du bist.“ Und plötzlich steht sie da. Meine Mutter. Vorne im Raum. Einfach da. Sie taucht aus dieser grauen Leere auf wie eine Figur aus einem Nebel. |
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Ich schaue sie an. „Hallo. Was machst du hier?“ Ich bin überrascht, wie selbstverständlich sie auftaucht, wie logisch es gleichzeitig ist. Das unangenehme Gefühl, und dann sie. Sie schaut mich an und sagt immer wieder: „Es tut mir leid.“ Ihre Augen sind traurig, schwer, voller Reue. Ich spüre ihre Traurigkeit in mir, als wäre sie durchlässig und schwappt in mich hinein. Ich sage ihr: „Ich spüre deine Traurigkeit.“ Und während ich das sage, merke ich, wie sich ihre und meine Trauer überlagern. Sie spricht von der Trennung von meinem Vater, von ihrer zweiten Ehe, die auch gescheitert ist. Alles tut ihr leid. Ich kenne das. Ich habe das schon oft gehört. Aber hier, in diesem Raum, fühlt es sich anders an. Dicht. Direkt. Ich bin nicht mehr nur die Tochter, die zuhört. Ich bin die Frau, die spürt, was das mit ihr gemacht hat – und mit mir. Dann taucht mein Vater in meiner Innenwelt auf. Ich gehe zu ihm, aber es fühlt sich an, als müsste ich eine dicke Glasscheibe durchdringen, um ihn zu erreichen. Ich sehe mich als sechsjähriges Mädchen, er ist geschäftlich in Singapur, weit weg. Emotional war er aber schon vorher weg. Ich spreche ihn an – jetzt, aus meiner heutigen Perspektive: „Warum bist du so kalt gewesen? Warum warst du so gefühlslos? Warum hast du dich nie wirklich für mich interessiert?“ Er sagt: „Ich konnte nicht anders.“ Dieser Satz macht mich wütend und müde zugleich. Ich bohre nach: „Was ist dein Problem? Du bist Vater, wie Millionen andere Männer auch. Warum konntest du kein Vater sein?“ Er sagt, Arbeit sei ihm immer wichtiger gewesen, ein Kind sei störend gewesen. Er gibt zu, dass ich in der Beziehung zu meiner Mutter eher ein Hindernis war. Ich höre mich sagen: „Dann habe ich also als Kind gelernt, dass ich störe.“ Und ich spüre, wie dieser Satz wie ein altes, rostiges Eisen in mir sitzt. Ich sage ihm, wie weh das getan hat, dieses Liegenlassen, dieses Desinteresse. Er bleibt emotional blass, aber ich merke, dass ich es endlich ausspreche. Hier, in diesem Raum, kann ich ihm nichts mehr schönreden. Dann springe ich innerlich zu meiner eigenen Tochter, Alessa. Ich schaue durch ihre Augen auf ihren Vater, Dieter. Ich frage sie: „Wie ist er für dich?“ In mir mischt sich Angst mit Neugier. Sie sagt, sie ist hin- und hergerissen, aber im Grunde geht es ihr schlecht mit ihm. Sie versteht sein Verhalten, seine Boshaftigkeit nach der Trennung, die Machtspiele, das Stalking, die Drohungen. Aber es bleibt ihr Papa. Und doch: Sie will ihn nicht sehen. Sie fühlt sich nicht wohl bei ihm. Ich rufe Dieter in den Raum. Er steht mir gegenüber, hart, abwertend, voller Hass auf mich. Ich spüre seine Verachtung wie ein brennendes Licht auf meiner Haut. Ich sage ihm: „Wir hatten Angst vor dir. Deine Drohungen, deine Gerichte, Jugendamt, Polizei – du hast uns fertiggemacht.“ Ich sage ihm, dass sein Verhalten genau das Gegenteil von dem bewirkt, was er angeblich will: Er treibt Alessa immer weiter von sich weg. Er wirft mir vor, ich hätte die Familie zerstört. Ich frage: „Wie genau? Erklär es mir.“ Er schaut mich nur abwertend an. Dann kommt der alte Vorwurf: Ich hätte ihn betrogen, weil ich nach der Trennung relativ schnell einen neuen Mann hatte. Ich sage ihm klar: „Selbst wenn – das ist dein Thema, nicht meins. Ich darf gehen, wenn es mir schlecht geht. Ich darf einen neuen Partner haben. Ich bin nicht dein Besitz.“ Ich merke, wie ich innerlich aufstehe. Ich sage: „Ich habe mich getrennt, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe. Und ich darf mein Kind beeinflussen, ich darf es schützen. Wenn ich Alessa vor dir schütze, dann tue ich das, weil sie bei dir Angst hat.“ Ich sehe Alessa neben mir, sie nickt. Ich bitte sie, es ihm selbst zu sagen: Dass sie ihn meidet, weil es ihr mit ihm schlecht geht. Sie sagt es. Klar. Deutlich. Ich spüre Stolz und Schmerz gleichzeitig. Dann rufe ich Dieter Mutter dazu. Sie taucht auf, hart, bitter, das Gesicht voller Hass. Ich erkenne plötzlich: Er ist nie wirklich von ihr losgekommen. Sie steht hinter ihm wie eine düstere Macht. Ich sage ihr, was ich sehe: Dass sie ihn nie losgelassen hat, dass sie voller Missgunst ist. Und ich merke, wie sich ein Bild schließt: Ein Sohn, der innerlich bei der Mutter klebt, der nie Mann geworden ist – und dann an mir und Alessa seine Kränkungen ausagiert. Parallel taucht meine eigene Familie auf. Mein Vater Markus als Junge. Ich sehe ihn mit 14, 15. Ich frage ihn: „Wie geht es dir?“ Das Wort „Gewalt“ drängt sich mir auf. Ich sehe seine Eltern – meine Großeltern – wie sie ihn schlagen. Beide. Ich merke, wie in mir etwas zusammenzuckt. Er wollte nie so werden wie sein Vater. Er wollte seine Kinder nicht schlagen. Aber statt ein liebevoller Vater zu werden, ist er einfach gegangen. Nach Singapur. Weg vom Kind, weg von der Verantwortung. Ich rufe seine Eltern, meine Großeltern. Ich stehe vor ihnen als Enkelin aus der Zukunft und sage ihnen, was sie angerichtet haben: Dass sie ihre Kinder geschlagen haben, dass aus ihren Kindern emotional verkrüppelte Erwachsene wurden, die entweder nur arbeiten oder abhängig sind, die keine wirklich tragfähigen Beziehungen leben können. Ich sage: „Ihr habt aus euren Kindern Verlierer gemacht.“ Ich sehe, wie mein Opa betroffen reagiert, wie meine Oma hart bleibt, arrogant, abwehrend. Das trifft mich, aber es wundert mich nicht. Dann gehe ich zu der anderen Seite: zu meiner Mutter Renate und ihren Eltern. Ich sehe wieder Gewalt. Eine Mutter, die ihr Kind nicht wollte, die meine Mutter ablehnt. Eine jüngere Schwester, die geliebt und gepampert wird, während meine Mutter das schwarze Schaf ist. Ich spüre die alte Ungerechtigkeit, die Demütigung, und gleichzeitig verstehe ich plötzlich, warum meine Mutter sich so an mich klammert, warum sie mich so sehr braucht, warum sie sich in Beziehungen aufopfert. In diesem Innenraum stehen jetzt alle: Meine Mutter, mein Vater, seine Eltern, ihre Eltern, Dieter, seine Mutter, Alessa, ich. Es ist wie eine dunkle Familienaufstellung in meinem Kopf. Und ich sehe die Muster wie ein Netz: Gewalt, Ablehnung, Nicht-geliebt-Sein, Mütter, die ihre Söhne nicht loslassen, Väter, die abhauen, Frauen, die sich aufopfern, Kinder, die hungern. Dann komme ich zu mir mit 28. Ich sehe mich, wie ich Dieter kennenlerne. Ich frage mich selbst: „Warum nimmst du ihn?“ Die Antwort kommt sofort: „Weil er Interesse zeigt.“ Ich begreife, dass ich in ihm eine Vaterfigur gesucht habe, die ich nie hatte. Und ich sehe gleichzeitig, dass er in mir eine Mutter gesucht hat. Zwei innere Kinder, die sich ineinander verbeißen, aneinander hängen, und dann ein echtes Kind in die Welt setzen – Alessa. Ich erkenne: Ich habe mir einen Mann gesucht, der innerlich ein Kind ist, so wie mein Vater innerlich eins geblieben ist. Und plötzlich wird mir klar, warum ich mich heute so verausgabe, warum ich mich aufreibe zwischen Kind schützen, Ex bekämpfen, eigene Geschichte tragen. Ich habe immer zwei Kinder gehabt: Alessa und Dieter. Dann rufe ich Jens, meinen jetzigen Partner, in diesen Raum. Er wirkt anders. Ruhiger, erwachsener, obwohl auch er seine Verletzungen hat. Ich frage ihn innerlich: „Zu wie viel Prozent bist du gerne mein Partner?“ Er hält innerlich ein Schild hoch: 100 %. Ich spüre Erleichterung. Ich frage, ob er Dieter als Vater von Alessa respektieren kann, ohne Konkurrenz. Er sagt ja. Ich merke, dass sich an dieser Stelle mein Muster bereits verändert hat. Dass ich nicht mehr denselben Typ Mann wähle wie früher. Dass irgendetwas in mir begonnen hat, sich zu lösen. Zum Schluss bekomme ich einen Schlagstock in die Hand. In diesem Innenraum. Ich spüre das Gewicht. Ich weiß: Jetzt geht es darum, diese alten Bilder, diese alten Programme zu zerstören. Ich schlage auf den Boden, der Boden bebt, es knallt. In meiner Vorstellung zerbersten die Figuren, die nicht mehr Macht über mich haben sollen: die schlagenden Großeltern, die verachtende Schwiegermutter, der ewig kindliche Vater, die Muster von Gewalt und Ablehnung. Ich merke, wie sich in mir ein Gefühl von Macht ausbreitet, das ich so nicht kenne. Ich lasse Dieter Kniebeugen machen, seine Mutter hüpfen. Es klingt albern, aber in mir fühlt es sich an wie ein Durchbruch: In meinem Inneren gehorchen sie mir. Ich bin nicht mehr ausgeliefert. Ich bin diejenige, die entscheidet, wer in meiner Innenwelt Macht hat. Am Ende stehe ich wieder vor dieser Tür, durch die ich gekommen bin. Der Raum ist nicht mehr so dunkel wie am Anfang. Er ist noch immer groß, aber weniger bedrohlich. Ich spüre Müdigkeit, aber auch eine seltsame Klarheit. Ich sehe mein sechsjähriges Ich mit meinen Eltern, und ich sehe Alessa neben mir. Und ich weiß: Ich bin mitten in einem riesigen Umbruch. Ich habe begonnen, diese alten Geschichten in mir zu sehen, zu fühlen, zu konfrontieren. Und ich fange an, sie zu verändern. Hier, in diesem Kellerraum meiner Seele, in dieser Innenweltreise, merke ich: Ich bin nicht mehr nur das Kind, das stört. Ich bin die Frau, die entscheidet, wie es weitergeht. |